
Kloster Gerlachsheim
Das Kloster Gerlachsheim - Ein barocker Neubau vor 300 Jahren
I. Eine spannende "Vorgeschichte": Das mittelalterliche Prämonstratenserinnenstift Gerlachsheim
„Dieses Mal würde es ihnen nicht so ergehen wie ihren Mitschwestern vor über 150 Jahren! Dieses Mal würden sie vorsorgen, damit nicht wieder alle Rechtstitel nach Würzburg gingen – ein verschlossen Truhelin mit brieffen auß dem Closter gehen Wirzburgk in das schlos – , sozusagen vom Würzburger Bischof unrechtmäßig ‚erworben‘ wurden!“ Angespornt von diesem Gedanken gräbt Bruder Hermann Joseph Maulbeck entschlossen weiter an dem Tunnel, der vom Kloster aus bis zum anderen Ende von Gerlachsheim führen sollte. „Durch den Tunnel wäre eine schnelle Flucht mit den wichtigsten Urkunden und Wertgegenständen möglich. Diesem Bischof und seinem Domkapitel war alles zuzutrauen! Fast 20 Jahre lang, seit 1699, hatten sie vor dem päpstlichen Gericht in Rom, der Rota, gegen den Würzburger Bischof geklagt, weil dieser eine Rückgabe des Priorats Gerlachsheim an das Mutterkloster in Oberzell verweigerte“. Hermann Joseph war stolz auf seinen Orden, den einst im Mittelalter von dem hl. Norbert gegründeten Prämonstratenserorden, und vor allem auf seinen Abt Sigismund Hauck, der das schier Unmögliche geschafft hatte. Einen Moment lang hört er mit dem Graben auf, hält voller Dankbarkeit inne: „Gott hatte ihre vielen, inständigen Gebete erhört! Er hatte ihnen Recht verschafft gegen böse und tückische Menschen! Es war wie ein Wunder! Im Jahr 1717 hatten sie den Prozess in Rom gegen den Würzburger Bischof gewonnen! Auch wenn das leider noch lange nicht das Ende der Geschichte war, denn der Würzburger gab nicht nach, ließ sich im Gegenteil immer neue Argumente einfallen, um den Prozess wieder aufzurollen bzw. den Urteilsspruch anzufechten. Und genau deshalb musste dieser Tunnel jetzt gebaut werden!“
So oder so ähnlich könnte eine Passage in einem „historischen Krimi“ über das Kloster Gerlachsheim lauten, den vielleicht der Gerlachsheimer Pfarrer Dr. Martin Ritter (1989 - 2004) geschrieben hätte, wäre er nicht mitten in seinen wissenschaftlichen Studien zum Prozess der Prämonstratenser gegen den Würzburger Bischof aus dem Leben gerissen worden. Und so fehlt im Gerlachsheimer Heimatbuch, das zur 800-Jahr-Feier von Gerlachsheim im Jahr 2009 erschienen ist, ein entsprechendes Kapitel wie auch die komplette Geschichte des Männerpriorats Gerlachsheim bis zur Säkularisation im Jahr 1803. Demgegenüber ist die Geschichte des Prämonstratenserinnenstiftes Gerlachsheim (1209–1556/1563) durch Dr. Ingrid Heeg-Engelhart, früher Archivarin am Staatsarchiv Würzburg, umfassend erforscht worden. Nachgelesen werden kann das in der 2006 erschienenen Festschrift zu Oberzell, ist doch das bei Würzburg gelegene Prämonstratenserkloster Oberzell das Mutterkloster von Gerlachsheim. Die materielle Ausstattung des Frauenklosters sollte zunächst, laut der Urkunde von 1209, für zwanzig Nonnen ausreichen, später, im 14. Jahrhundert, sind in einer Urkunde sogar 31 Klosterfrauen namentlich genannt. Die zur Diözese Mainz gehörende Niederlassung scheint sich schnell konsolidiert zu haben. Das bezeugen zwei Papsturkunden aus den 1250er Jahren. In der Reihe der zwanzig „Meisterinnen“, so heißen die Vorsteherinnen in Gerlachsheim, stammen allein fünf aus der Familie der Grafen von Wertheim. Darüber hinaus finden sich in den Quellen sehr viele weitere Namen des regionalen Adels: Zimmern-Lauda, Rieneck, Uissigheim, Bischofsheim, Krautheim, Dörzbach, Eubigheim, Berlichingen, etc. Die personelle Zusammensetzung des Frauenstiftes Gerlachsheim insgesamt, über mehr als drei Jahrhunderte hinweg, lässt sich aber leider nicht mehr komplett rekonstruieren.
In dieser Zeit gab es zwei größere „Schadensfälle“. Zum einen ist die Zerstörung von Besitzungen und Wirtschaftsgebäuden des Stifts in den Jahren 1261/62 zu nennen. Man war hier, sozusagen als Nebenschauplatz, in die Auseinandersetzungen des Mainzer Bischofs mit den Grafen von Rieneck geraten, die das Stift förderten. Die Kirche und die Konventsgebäude wurden aber offenbar nicht zerstört, so Dr. Heeg-Engelhart. Sehr viel gravierender waren dann wohl die Auswirkungen des Bauernkrieges im Taubertal auf das Kloster, nach 1525: Es sei „in der ufrur zerrissen und verprend worden“. Nach einem längeren Aufenthalt in Lauda, so der Chronist des Würzburger Bischofs, Lorenz Fries, der aber nicht belegt werden kann, sei „inen widerrum ain behausung im closter ufgericht worden“. Dennoch scheint der wirtschaftliche und auch personelle Niedergang absehbar gewesen zu sein. Der Würzburger Bischof Friedrich von Wirsberg (1558-1573) sicherte sich jedenfalls 1558 die Rechtstitel – „ein verschlossen Truhelin mit brieffen“ – und rechtfertigte die Aneignung der Güter in einem Protokoll aus den 1560er Jahren. Dort heißt es unter anderem: „Das Tor stehe Tag und Nacht offen und jedermann gehe aus und ein …“ – gemeint ist wohl das Klostertor – und in Bezug auf die Kirche, dass ein „gemeiner weg“ durch diese führe, „auf dem jedermann aus- und eingehe, auch sein Holz, Stroh und seine Gerste durch die Kirche trage und das Vieh hineinlaufe, auch wenn man Messe halte“. Hier wird ganz offenkundig tendenziös ein unhaltbarer Zustand für ein Kloster dokumentiert.
Der herrschaftliche Zugriff durch den Würzburger Bischof wurde jetzt intensiviert, wie das auch andernorts nach den Aufständen der Bauern der Fall war. Das zeigt die von dem Würzburger Bischof Julius Echter (1573-1617) erlassene Dorfordnung von Gerlachsheim in 20 Artikeln, später übernommen von Bischof Johann Philipp von Schönborn (1642-1673). Das Zusammenleben im Dorf wurde darin in vielen Einzelheiten genau geregelt. Vor Gefahren sollten beispielsweise zwei von der Gemeinde gewählte Feuerschauer und ein Nachtwächter schützen, der über die Einhaltung der Sperrstunde - im Winter 19 Uhr, im Sommer 20 Uhr und angezeigt durch Glockenläuten - zu wachen hatte. Aber auch bei Tag, gerade auch am Sonntag, galt es Regeln zu beachten: Arbeiten war bei Strafe nicht erlaubt und bestraft wurden sogar diejenigen, die „vor gehörten Ampt undt Pretig in einem offenen Wirtzhauß oder sonsten Gesellschafft undt Zechen anfingen.“
Auch wenn es also zu dieser Zeit kein klösterliches Leben mehr in Gerlachsheim gab, blieb die Kloster- und Pfarrkirche im Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Während für das Ende des 15. Jahrhunderts und den Anfang des 16. Jahrhunderts die Abfolge der Pfarrer in Gerlachsheim lückenlos überliefert ist, es sind stets Konventualen von Oberzell, wissen wir für die Folgezeit nur, dass von 1635 bis 1675 Weltgeistliche des Mainzer Bistums für die Seelsorge zuständig waren, ab 1675 dann aber wieder die Prämonstratenser von Oberzell. Die Einkünfte aus den Besitzungen des ehemaligen Prämonstratenserinnenstifts gingen in dieser Zeit wohl alle an den Bischof von Würzburg. Doch dies sollte sich ändern.
II. Erfolgreiche Klage der Oberzeller Prämonstratenser in Rom um Priorats Gerlachsheim
„Da hilft nur noch beten!“ Genau das taten die Oberzeller Prämonstratenser inständig und oft, ganz besonders nach der in ihren Augen unrechtmäßigen Aneignung der Güter des Prämonstratenserinnenstiftes Gerlachsheim im Jahr 1563 durch den Würzburger Bischof Friedrich von Wirsberg (1558-1573). Sie protestierten in der Folgezeit auch immer wieder beim jeweiligen Würzburger Bischof, aber mehr konnten sie nicht tun, denn die Position des Klosters Oberzell war geschwächt. Im Bauernkrieg (1525) geplündert, später in Teilen zerstört, gelang erst dem aus Lauda stammenden Abt Johann Herberich (1571-1607), der sich um die Finanzen, den Klosterbau und auch die Klosterdisziplin kümmerte, ein erster Aufschwung, in Teilen wieder zunichte gemacht durch den 30-jährigen Krieg (1618-1648). Für die Zukunft Gerlachsheims entscheidend war das Wirken von Abt Gottfried Hammerich (1692-1710), der aus Dittwar stammte und so die Situation vor Ort, in Gerlachsheim, gut gekannt haben dürfte. Auch wenn er schon mit 17 Jahren, im Jahr 1647, zum Studium nach Würzburg ging, blieb er offenkundig seiner Heimat verbunden, was sich an seiner Förderung der Wallfahrt zum Kreuzhölzle in Dittwar zeigt. In Oberzell entfaltete er eine rege Bautätigkeit, leitete beispielsweise die Barockisierung der Klosterkirche ein.
Und so sahen sich die Prämonstratenser von Oberzell unter dem schon älteren, aber sehr tatkräftigen Abt Gottfried Hammerich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in der Lage, mit neuem Selbstbewusstsein und entsprechenden Kontakten vehement die Rückgabe des Priorats Gerlachsheim vom Würzburger Bischof zu fordern. Sie wandten sich dabei an den Kaiser in Wien, den Papst in Rom, den päpstlichen Nuntius in Köln und ihren Generaloberen in Paris, setzten sozusagen alle Hebel in Bewegung.
Bestens dokumentiert ist diese, dann auch gerichtliche Auseinandersetzung durch das „Protocollum“ des Oberzeller Priors Christoph Hönniger über die „Recuperatio seu Restitutio“ - Wiedererlangung oder Wiedereinsetzung (in den vorherigen Zustand) des Gerlachsheimer Klosters. Wie in einer Prozessakte hat Pater Hönniger hier die Schriftstücke vieler am Prozess Beteiligten - Briefe, Stellungnahmen, Urteile – gesammelt wiedergegeben, in der Bewertung verständlicherweise mit eindeutiger Parteinahme für seinen Konvent. So findet sich etwa bei einer Erklärung des Würzburger Bischofs, wie er zum Besitz von Gerlachsheim gekommen sei, am Rand folgender Kommentar: „In drei Zeilen drei falsche Behauptungen“. Das 347 Seiten starke „Protokoll“, fast durchgehend in Latein, bietet darüber hinaus einige interessante Hinweise zum Bau von Kloster und Kirche. Damit verbunden ist eine tagebuchartige, anschauliche Wiedergabe einzelner Ereignisse der Gerlachsheimer „Klostergeschichte“ im fraglichen Zeitraum.
Durch Pater Hönniger erfahren wir dann auch, warum Oberzell im Jahr 1699 sehr viel stärker als vorher in die Offensive gehen musste bei seinen Bemühungen um eine Rückgabe, sogar einen Prozess in Rom vor dem päpstlichen Gericht glaubte anstrengen zu müssen. Genau in dieser Zeit bestand nämlich die reale Gefahr, dass das Gerlachsheimer Kloster endgültig für die Prämonstratenser verloren sein könnte. Es gab einen Beschluss aus der Zeit der Sedisvakanz, der Zeit zwischen dem Tod des alten Würzburger Bischofs Johann Gottfried von Guttenberg (1684-1698) und der Wahl des neuen Bischofs Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollraths (1699-1719), dass das Kloster in den Besitz des Würzburger Domkapitels, genauer des Domdekans, gelangen sollte. Dieser Beschluss war offenkundig der Inhalt einer „Wahlkapitulation“ von Greiffenclau, mit der er seine Wahl zum Bischof durch das Domkapitel erreichen wollte, ein bei Wahlen durchaus üblicher Vorgang, auch im weltlichen Bereich.
Wie dringend jetzt gehandelt werden musste, zeigte die dreitägige persönliche Anwesenheit des mächtigen Würzburger Domdekans Georg Heinrich von Stadion, wohl noch im März 1699, in Gerlachsheim. Schon vorher hatte er dem bischöflichen Verwalter aufgetragen, im nahegelegenen Bach – gemeint ist ganz sicher der Grünbach – „ordentlich Forellen vorzuhalten, da er bald nach Gerlachsheim kommen werde, um den Treueid der Untertanen einzufordern“. Dem von den Prämonstratensern eingesetzten Ortspfarrer Pater Andreas Waltz versprach er dann vor Ort, das „enge und sich im schlechten Zustand befindende Pfarrhaus“ renovieren zu lassen und das Gehalt des Pfarrers zu erhöhen, wenn dieser sich der Inbesitznahme durch den Dekan nicht in den Weg stelle. Falls der „Notar des Abtes“ wagen sollte, nach Gerlachsheim zu kommen, dann solle ihn der (bischöfliche) Verwalter des Klosters einfach „die Stiegen hinunterwerfen“.
Trotz dieser massiven Einschüchterung gaben die Prämonstratenser nicht auf und sie bekamen Recht! In zwei Urteilen der Rota, dem päpstlichen Gericht, vom 10. Juni 1707 und vom 17. Juni 1709 wurde zugunsten der Prämonstratenser entschieden. Doch Bischof Greiffenclau und das Domkapitel legten gegen die Urteile Einspruch ein, der angenommen wurde. Abt Hammerich, im Jahr 1710 verstorben, erlebte es leider nicht mehr, dass 1712 wiederum zu Gunsten der Prämonstratenser neue Urteile gefällt wurden. Jetzt schien die Sache entschieden zu sein. Aber erneut erhoben Bischof und Domdekan Einspruch, der tatsächlich wieder in Rom angenommen wurde.
Und so scheint es nur verständlich, dass am 30. April 1714 der Prämonstratenserabt Michael Kuell von Steinfeld, Generalvisitator des Ordens, im Auftrag von Oberzell nach Gerlachsheim kommt. Die Gerlachsheimer werden bei seiner Ankunft durch die Kirchenglocken zusammengerufen, verweigern aber den Treueid, da sie diesen ja dem Domdekan geleistet hätten. Und so begnügt sich der Abt von Steinfeld damit, das Kloster mit einer Reihe symbolischer Handlungen als Besitz der Oberzeller Prämonstratenser zu kennzeichnen. Unter anderem gräbt er im Klostergarten ein wenig Erde aus, in der Mühle schneidet er ein Stückchen von der Mehlkiste ab und in einem der Wälder einige Äste. Als Zeichen des Jagdrechts gibt er dort auch drei Schüsse ab.
Der Vorfall wird vom bischöflichen Verwalter nach Würzburg gemeldet, wo Bischof Greiffenclau erbost die Inbesitznahme für null und nichtig erklärt. Wer bei dem ganzen Streit die eigentlich treibende Kraft im Hintergrund war, zeigt eine Randnotiz zum Tod des Domdekans von Stadion (13.10.1716) im Protokoll, hätte dieser doch öffentlich gesagt „Ich will sehen den Jenigen, welcher Mir daß Closter Gerlachsheim wird abgewinnen: der jenige ist noch nicht gebohren, der es mir wirdt abgewinnen“. Ähnlich hatte sich auch schon zuvor der Würzburger Weihbischof Johann Bernhard Mayer geäußert, ein gebürtiger Laudaer. Solange der Domdekan lebe, hätten die Oberzeller Prämonstratenser keine Chance auf eine Wiedererlangung des Stiftes in Gerlachsheim.
Überraschend schnell, nach einigen Verhandlungsrunden beim Würzburger Bischof, kommt es dann doch am 20. Mai 1717 zur feierlichen Einsetzung der Prämonstratenser in Gerlachsheim, die auch notariell festgehalten wird. In Oberzell traut man der überraschenden Kehrtwende des Bischofs aber nicht so recht, da ein Streitpunkt noch nicht ausgeräumt worden ist, die Übernahme der Prozesskosten und die ausstehende Rückgabe der Einnahmen aus Gerlachsheim ab 1699. Hier sollte es in der Tat erst am 12. Februar 1735 zu einem außergerichtlichen „Vergleich“ der Oberzeller mit dem Würzburger Bischof kommen. Ob die von Rom immer wieder angemahnte Rückgabe der Besitzurkunden an die Prämonstratenser erfolgt ist, lässt sich leider nicht sagen, das „Protokoll“ schweigt dazu.
In dieser biedermeierlichen, perspektivisch etwas ungewohnten Ortsansicht Gerlachsheims vom Westen her ist im Vordergrund wohl die Tauber zu sehen, die vor dem Bau der Eisenbahnlinie noch näher am Ort vorbeifloss, und das sogenannte Chausseehaus, vor seiner Zerstörung im 2. Weltkrieg ein beliebtes Gasthaus. Das Gemälde des Mannheimer Malers Theodor Leopold Weller (1802-1880) befand sich offenkundig im Besitz des Fürsten Salm-Reifferscheidt, der nach der Säkularisation (1803) im Kloster, seinem "Schloss" residierte.
Im Mai 1717 jedenfalls hofft man trotz aller Bedenken auf eine gute Lösung, auf die Hilfe Gottes, und lässt dafür beten. Doch wie befürchtet ist die Sache nicht vom Tisch. Bischof Greiffenclau gibt nicht auf und wendet sich an Rom mit der Bitte, das Kloster einem anderen Zweck zuzuführen, denn Gerlachsheim als unbefestigter Ort sei, gemäß der Vorschriften des Trienter Konzils (1545 - 1563), für ein Frauenkloster nicht geeignet. Erneut wird eine Kommission aus Kardinälen zur Überprüfung der neuen Argumentation eingesetzt. Die Oberzeller erkennen die Gefahr beziehungsweise werden durch „ihren Mann in Rom“ gewarnt, den Ordensbruder Ignatius Backx, der die Prozesse in Rom von Anfang an als Prozessvertreter begleitet hatte. Und so beantragen sie Ende August 1717 in Rom, dass das ehemalige Frauenstift jetzt in ein Männerpriorat umgewandelt werden solle. Am 17. Mai 1718 wird diesem Wunsch stattgegeben. Doch schon im folgenden Jahr scheint alles wieder von vorne zu beginnen, denn der neue Würzburger Bischof Johann Philipp Franz von Schönborn (1719-1724), Nachfolger Greiffenclaus, der im August 1719 gestorben war, spricht davon, dass die Übergabe Gerlachsheims an die Oberzeller überstürzt gewesen sei - „dieseß Werck ist übereilet worden, muß also alleß wiederumb untersucht werden“ - und das nach 20 Jahren Hin und Her und mehreren Prozessen! Doch seine Worte finden in Rom kein Gehör mehr, wenngleich sich die Sache nochmals in die Länge zieht. Die Ausfertigung eines schon im Sommer 1720 gefällten Urteils zugunsten der Prämonstratenser kommt erst im Dezember 1720 mit der Post in Oberzell an. Jetzt galt es für die Prämonstratenser, nach Ablauf des Winters, in Gerlachsheim schleunigst ans Bauen zu gehen.
III. Steingewordene Spiritualität: Der Neubau des Klosters Gerlachsheim ab Frühjahr 1721
„Euch, die ihr eine Klostergemeinschaft bildet, tragen wir auf, folgendes in eurem Leben zu verwirklichen: Zuallererst sollt ihr einmütig zusammenwohnend, wie ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott sein.“ Ein hoher Anspruch für ein gemeinsames Leben im Dienst Gottes, so formuliert in der Augustinusregel, die der hl. Norbert für seine von ihm gegründete Ordensgemeinschaft der Prämonstratenser gewählt hatte. Dieses gemeinsame Leben und Arbeiten erforderte besondere Klosterbauten, sozusagen steingewordene Spiritualität. Zumeist in einem Quadrat angeordnet, mit einem Kreuzgang, gehörte dazu vor allem die Kirche für das gemeinsame Chorgebet, dann aber auch Räume zum gemeinsamen Essen, zum Gespräch, zum Studium, zum Schlafen, für Kranke, Gäste etc., ebenso Räume und Gebäude, die für die Eigenversorgung des Klosters notwendig waren, unter anderem eine Küche samt Keller für die Vorratshaltung, in Weinanbaugebieten vor allem auch für den Wein. Die endgültige Wiedererlangung des Klosters Gerlachsheim im Jahr 1720 bedeutete also für die Oberzeller Prämonstratenser die Errichtung einer Großbaustelle.
Und so ruft Abt Sigismund Hauck (1710-1738) im Frühjahr 1721 die Maurer zusammen und lässt einen Kostenvoranschlag erstellen. Am 18. April 1721 beginnen die Bauarbeiten offiziell. Man hat einen klostereigenen Architekten, was in dieser Zeit durchaus üblich war. Der Oberzeller Pater Sebaldus Appelmann wohnt in seiner Funktion als „quasi architectus“ auch permanent in Gerlachsheim, „im alten Kloster, im Ambt-Hauß“. Mit dieser Aussage im Protokoll von P. Hönniger erfahren wir ganz nebenbei von der Weiternutzung des 1563 aufgelösten mittelalterlichen Klosters als Amtshaus des bischöflichen Verwalters bis zur Rückgabe an Oberzell.
Die benötigten Steine für den Klosterbau stammen aus einem Steinbruch Richtung Kützbrunn, der wohl mit dem aufgelassenen Muschelkalksteinbruch oberhalb des Funkturms zu identifizieren ist. P. Hönniger schwärmt in seinem Protokoll von den vielen guten Steinen dort, die sogar noch ausreichen würden für den Bau von Mauern für die Weinberge des Klosters. Beim Holz spricht er davon, dass es in Oberzell „beschlagen“ und „mit Bittfuhr“ nach Gerlachsheim transportiert werde. Bei den „Bittfuhren“ handelt es sich ganz offenkundig um Frondienste von Bauern, in den vom Kloster abhängigen Dörfern, mit Pferde- und Ochsenkarren. P. Hönniger ist hier voll des Lobes für die „akatholische“ Gemeinde Altertheim, die ihre Dienste selbst angeboten hätte. Als Lohn sollten alle Bauern reichlich Essen und zum Trinken einen einfachen Wein erhalten.
Bereits im November 1721 kann P. Appelmann in Oberzell berichten, dass der erste Klosterflügel, Richtung Osten bzw. Grünsfeld, mit einer Länge von 136 Fuß (ca. 40 m) in Bezug auf die Maurer- und Zimmermannsarbeiten fertiggestellt ist. Bei diesem Flügel sei kein neues Fundament nötig gewesen, da das alte Fundament und der Weinkeller noch völlig intakt gewesen seien. Man hätte so „auf das mittlere beziehungsweise zweite Geschoss“ bauen können. Das passt zum Erscheinungsbild des heutigen Klosterbaus, der aus drei Stockwerken besteht. Eine Bestätigung dafür, dass hier der Klosterflügel gemeint ist, der an das heutige Querhaus der Kirche anschließt, bietet ein mittelalterliches Rundbogenfries, das im Dachstuhl des Klosters an dieser Stelle noch gut zu erkennen ist. Dieses Fries befand sich offenkundig an der Außenwand der Kirche, vor dem Bau des 3. Geschosses. Von dieser Seite her hatten ganz sicher schon die Prämonstratenserinnen im Mittelalter den für die Gebetszeiten notwendigen direkten Zugang zum Chor der Vorgängerkirche.
Beim zweiten Klosterflügel, Richtung Norden bzw. in Richtung der „kostbaren Gerlachsheimer Weinberge“, mit einer Länge von 164 Fuß (ca. 50 m) muss laut Protokoll auf einem komplett neuen und tiefen Fundament gebaut werden. Das könnte dafür sprechen, dass es an dieser Stelle keinen Klosterbau (mehr) gegeben hat. Der Bau dieses zweiten Klosterflügels nimmt das ganze Jahr 1722 in Anspruch. P. Hönniger spricht bei dem etwa zehn Meter längeren Gebäude von einem sehr schönen Flügel, der vielleicht den repräsentativen Haupteingang des Klosters bilden sollte. Der Steinmetz hat für die Eingänge zu allen drei Klosterflügeln Sandstein verwendet, in der Formensprache aber variiert. Von der Gestaltung des Bogenfeldes über dem Türsturz her, dürften allerdings alle drei Eingänge/Portale vergleichbar wenn nicht gleich gewesen sein: Klosterwappen von Gerlachsheim bzw. Oberzell (umgedrehtes Z für Oberzell, zwei Kreuze und zwei Lilien) und Wappen von Abt Hauck (auffliegende Taube mit Zweig), bekrönt von den bischöflichen Insignien Stab und Mitra, die die Äbte des Klosters Oberzell als Zeichen der Gleichrangigkeit zum Amt des Bischofs seit dem 17. Jahrhundert tragen durften. Komplett ist dieses so gestaltete Bogenfeld (Tympanon) nur noch am 1. Flügel, dem Ostflügel, zu sehen, der vor schädlichen Umwelteinflüssen bisher offenkundig besser geschützt war, beim 2. Flügel, dem Nordflügel, sind Stab und Mitra bereits weggebrochen, beim 3. Flügel, dem heutigen Haupteingang zum Kloster im Westen, zum Dorf hin, fehlt das Bogenfeld in Gänze.
Da sich in unserer Quelle leider keine Angaben zum Bau des 3. Klosterflügels finden, könnte hier auch das Wappen von Haucks Nachfolger als Abt von Oberzell, Georg Fasel (1738-1747), angebracht gewesen sein, dessen Wappen sich im Innenraum der Kirche mehrfach findet. Die Arbeiten am Rohbau des Klosterensembles dürften aber wohl alle noch unter Abt Hauck (1710-1738) abgeschlossen worden sein, auch das Prioratshaus/Pfarrhaus trägt Haucks Wappen und die Jahreszahl 1738 im Türsturz.
Etwas besser informiert uns das Protokoll über den Bau der Kirche, die den vierten Flügel der Klosteranlage bildet: Am 2. April 1723 verkündet Abt Sigismund Hauck den Neubau der Kirche, da die alte Kirche zu klein geworden sei für die Gläubigen. Bereits im September 1723 ist der Bau des Langhauses weit vorangeschritten, der Dachstuhl aufgeschlagen. Beim Bau des Chores und der beiden Türme gibt es allerdings laut Protokoll eine Bauverzögerung wegen Problemen mit dem Grundwasser und dem Untergrund, so dass große Steine und viel Mörtel zur Sicherung der Fundamente eingebracht werden müssen. Nach einer dreijährigen Pause errichtet man ab 1726 die Vierung samt Chor und den beiden Türmen. Und so wird im März 1728 schriftlich festgehalten, dass die Kirche vollendet ist. Am 17. September 1730 erfolgt die Weihe der Kirche durch den aus Lauda stammenden Würzburger Weihbischof Johann Bernhard Mayer.
Wie lange noch am Kloster weitergebaut wird, ob etwa der dritte Flügel noch im Rohbau ist, lässt sich vielleicht nur indirekt erschließen. Zum 28. Juni 1728 wird im ältesten, erhaltenen Totenbuch der Pfarrei (1728-1749) der Todestag eines Christoph Baur vermerkt, der mit 18 Jahren bei der „Errichtung“ des Klosters (in aedificatione monasterii) vom Bau (structura), gemeint ist vermutlich ein Gerüst, gefallen und verstorben sei. Er wird, mit den Sakramenten versehen, am folgenden Tag auf dem Gemeindefriedhof beerdigt. Vielleicht ist das Wort „monasterium“ (Kloster) hier aber auch ganz unspezifisch verwendet, sprich auf die gesamte Klosteranlage bezogen, zu der eben auch die Kirche und das Prioratshaus gehören.
Von der barocken Innenausstattung des Klosters scheint mit Ausnahme der Holztreppe, eine hervorragende Schreiner- und Bildhauerarbeit, nichts erhalten geblieben zu sein. Gerlachsheim dürfte hier, wie viele andere Klöster in der Säkularisation (1803), das gleiche Schicksal erlitten haben. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde weggeschleppt. Dazu gab es sicher auch noch Verluste durch die fast durchgehende Weiternutzung des Gebäudes seit dem 19. Jahrhundert. Die ersten Mönche im neugebauten Kloster Gerlachsheim dürften aber wohl noch in neu, im barockem Stil eingerichteten Räumen gelebt haben.
IV. Die Errichtung des Priorats in dem "lieblichen Ort" Gerlachsheim
Exakt drei Jahre nach Beginn des Klosterbaus, am 18. April 1724, erlässt Abt Sigismund Hauck von Oberzell ein Mandat zur Errichtung des Priorats, in dem wir unter anderem die Namen der ersten zehn Gerlachsheimer „patres et fratres“ finden, so wie es von Rom als Größe des Konvents vorgegeben war, nämlich zehn bis zwölf Mönche und Laienbrüder. An erster Stelle, als Prior des Klosters, wird Pater Georg Fasel aufgeführt, der laut Mandat schon vorher in Gerlachsheim als Verwalter tätig gewesen ist, ab jetzt aber dort Prior sein soll. In der Liste folgen dann die Namen von weiteren fünf Patres, jeweils mit der Angabe ihrer Herkunft. Neben dem Pfarrer von Gerlachsheim, P. Andreas Walz, wird in dieser Liste auch P. Sebaldus Appelmann als „Direktor der neuen Gebäude“ (aedificiorum novorum ibi Director) geführt. Als „quasi architectus“ war er ja schon spätestens seit dem Frühjahr 1721 in Gerlachsheim wohnhaft. In der Reihe der vier „fratres“ begegnen wir Bruder H. J. Maulbeck aus Würzburg, unserem „Tunnelgräber“, der den Namen eines sehr beliebten Prämonstratenser-Heiligen trägt, Hermann Joseph von Steinfeld.
Ganz besonders zu erwähnen ist aber Bruder Johannes (Donatus) Buchler aus Gerlachsheim (1694-1783), der in der Liste lobend als ausgezeichneter Büttner bezeichnet wird. Aus einer anderen Quelle wissen wir, dass seine Fähigkeiten über das Herstellen und kunstvolle Schnitzen von Weinfässern weit hinausgingen. Die Chorgestühl-Medaillons in der neugebauten Kirche, mit Szenen aus dem Leben Jesu, stammen ebenfalls von seiner Hand. Außerdem soll er bis ins hohe Alter, er wurde 89 Jahre alt, am Chorgebet teilgenommen und auch die Orgel gespielt haben „bis ihm das Gehör entgangen“. Bruder Johannes stammt aus der berühmten Gerlachsheimer Weinhändlerfamilie Buchler, die mit ihren beiden Weinhandelshäusern und der Stiftung vieler Denkmäler, beispielsweise dem sechs Meter hohen Pfeilerbildstock „Maria von Steinbach“, der seit 50 Jahren vor dem Kloster steht, wesentlich zum heutigen „barocken“ Erscheinungsbild von Gerlachsheim beigetragen hat.
Auch dank der Buchlerfamilie kann man hier wirklich „Barock erleben“ – so der Titel einer kleinen aber feinen Broschüre des Vereins KulturGut e.V., die sogar in englischer und französischer Sprache vorliegt. Die Vorfahren der Buchlerfamilie waren im 17. Jahrhundert wohl aus dem Odenwald nach Gerlachsheim gekommen und arbeiteten im Dienst des ehemaligen Klosters als „Klosterbüttner“. Bereits gegen Ende des Jahrhunderts begann ihr Aufstieg als Weinhändler, was dann auch sehr schnell zu Konflikten mit der „Obrigkeit“ führte, zunächst mit dem bischöflichen Verwalter, später mit den Prämonstratensern als neuen/alten Herren in Gerlachsheim. Die Verdienste um die Pfarrei waren aber unbestritten und so ist Johann Peter Buchler (1680-1747), der ältere Bruder von Johannes (Donatus), zu seinem Todestag als „besonderer Wohltäter“ im Totenbuch vermerkt.
Solche Mäzene waren oft vonnöten, ganz besonders in der vom „Bauwurm“ geplagten Zeit des Barock. In der Liste der drei P, die es beim Bauen zu beachten gilt, Pecunia (Geld), Prudentia (Klugheit) und Patientia (Geduld), hat es in Gerlachsheim in dieser Zeit wohl vor allem an Geld gefehlt, verständlich nach dem langen und teuren Prozess in Rom. Und so hatte Abt Sigismund Hauck (1710-1738), der Bauherr, offenkundig befürchtet, dass er den von Rom vorgegebenen Zeitrahmen von drei Jahren für den Bau des Klosters und die Errichtung des Priorats nicht einhalten könnte und deshalb in Rom um eine Verlängerung des Zeitraums um zwei bis drei Jahre gebeten. Dies wäre kein Problem, so der im Protokoll zitierte „Prozessvertreter“ des Ordens in Rom, Ignatius Backx. Doch er sollte sich täuschen, was in Oberzell für reichlich Ärger sorgt ob der dadurch neu entstandenen Kosten. Im Frühjahr 1724, noch vor dem 18. April, versucht Abt Hauck den Antrag zurückzuziehen, da zu diesem Zeitpunkt die Errichtung des Priorats absehbar war, aber es ist schon zu spät. Im Auftrag des päpstlichen Nuntius kommen am 3. August 1724 mit der Reisekutsche zwei „Kommissare“ aus Fulda nach Gerlachsheim. Sie logieren im Gasthaus „Zum goldenen Stern“, offenkundig damals das erste Haus am Ort. Gleich am folgenden Tag macht sich auch Abt Hauck frühmorgens von Oberzell aus auf den Weg nach Gerlachsheim, zusammen mit Prior Hönniger und einem Sekretär. Die Kommissare führen ihre Untersuchung, inwieweit die beantragte Verlängerung zu rechtfertigen sei, in eineinhalb Tagen durch, auch mit Zeugenbefragungen. Am 5. August reisen sie dann bereits wieder ab. Die Kosten für die Reise werden später dem Kloster in Rechnung gestellt, unter anderem auch die Kosten „für Überfarth über den Main“ und das Trinkgeld für den Kutscher. Genau das hätte Abt Hauck angesichts der hohen Baukosten in Gerlachsheim, so das Protokoll Hönnigers, gerne vermieden.
Im Untersuchungsbericht werden fünf Fragen abgearbeitet, bei denen es nicht nur um die Baustelle geht. Die Fuldaer Kommissare fragen auch nach der Qualität der Seelsorge. In Gerlachsheim selbst werden einzelne ausgewählte Bürger, Bürgermeister und die Gerichtsschöffen, dazu befragt. Sie stellen den Mönchen diesbezüglich ein gutes Zeugnis aus. Vier Monate später hätte dieses vielleicht schon anders ausgesehen, denn es kommt zwischen Kloster und Dorfgemeinde zum Streit, unter anderem wegen der Höhe des Weinzehnts. Es werden dann auch weitere Zeugen befragt, ob die Prämonstratenser in den Nachbarpfarreien bei Bedarf in der Seelsorge aushelfen würden. Der Laudaer Pfarrer Johannes Franciscus Ruckart gibt hier zu Protokoll, dass sie „kaum gerufen, gleich schon herbeigeeilt kämen“. Ähnlich äußert sich der Heckfelder Pfarrer Johann Joseph Wolff. Dies ist insofern wichtig, als eine gute Seelsorge sozusagen zum Portfolio der Prämonstratenser gehört.
Hauptthema der Untersuchung ist aber der Bau von Kloster und Kirche, drei der fünf Punkte beschäftigen sich damit. Der Bericht spricht hier von einem Bauplan, der vom Architekten vorgelegt worden sei, in dem die alten Bauteile von den neuen durch Farben unterschieden seien. Leider scheint ein solcher Plan nicht erhalten geblieben zu sein. Als Gründe dafür, dass der Bau erst zu zwei Dritteln abgeschlossen sei, werden ein langer, harter Winter und viel Regen angeführt, die Maurerarbeiten unmöglich gemacht hätten. Es werden dann auch die Summen genannt, die der Bau bisher verschlungen hätte. Abschließend wird aber festgehalten, „dass sich jeder Aufwand lohne angesichts der sehr lieblichen Lage des Ortes“ (amoenissimus loci situs cunctas impensas meretur)! Dieser Meinung waren übrigens auch viele Oberzeller Mönche in den folgenden Jahrzehnten, sie gingen gerne in den „locus amoenus“ Gerlachsheim, was hier bestimmt nicht nur als literarischer Topos zu verstehen ist.
P. Appelmann, als Architekt wohl ein Autodidakt, hat im wunderschönen Gerlachsheim Großartiges geleistet. Die Ansprüche des Mutterklosters, den Sieg über den Würzburger Bischof, hat er architektonisch sichtbar gemacht. Die Hl. Kreuz Kirche in Gerlachsheim ist aber nicht nur eine Kopie der Oberzeller Abteikirche, mit der geschwungenen Kirchenfassade hat P. Appelmann einen eigenen Akzent, im Stil der Zeit, gesetzt. Die enormen Kosten des Prozesses zur Wiedererlangung des Priorats Gerlachsheim und des Baus von Kloster und Kirche hatten aber dazu geführt, dass erst in den 1740er Jahren der Neubau der Oberzeller Klosteranlage in Angriff genommen werden konnte. Bisher wurde dieser dem berühmten Würzburger Baumeister Balthasar Neumann zugeschrieben, doch neuere Forschungen nennen jetzt P. Appelmann als Architekten. Angestoßen wurde diese durch einen Dachbodenfund im Oberzeller Kloster im Jahr 2004. In einem Zinnkästchen fanden sich auf einzelnen Zetteln die Namen sämtlicher Konventsmitglieder. Bei P. Sebald Appelman war „exstructor hujus aedificij 1748 mortuus est“ vermerkt – Erbauer dieses Gebäudes, er ist 1748 gestorben. Sollte sich diese Zuweisung in der Forschung durchsetzen, dann könnte man in Gerlachsheim mit Recht noch stolzer sein auf das Kloster und einen Architekten, der sich mit seinem Werk in Gerlachsheim für Höheres empfohlen hatte
Und wie sieht es heute aus? Nicht nur auf alten Stichen oder Postkarten von Gerlachsheim, Teilort der Stadt Lauda-Königshofen, nimmt die beeindruckende barocke Klosteranlage stets einen prominenten Platz ein, wobei das Kloster selbst oft ein wenig im Schatten der Kloster- und Pfarrkirche Hl. Kreuz steht, einem Juwel des Barock in der Ferienregion „Liebliches Taubertal“. Das Haus des Priors/Pfarrhaus ist jetzt St. Anna Kloster und beherbergt seit Januar 2018 drei indische Schwestern. Es ist durch seine Lage, unmittelbar an der Straße, das Gebäude, das am meisten unter dem enorm zunehmenden Schwerlastverkehr der kommenden Jahre leiden wird, ganz zu schweigen von den Menschen, die darin leben. Im Blick auf das Jubiläum „300 Jahre Kloster Gerlachsheim“ hat die Stadt Lauda-Königshofen den Platz vor Kloster, Kirche und Prioratshaus neu gestaltet, die neue Pflasterung lässt das Klosterensemble gut erkennen.
Auch wenn das Klosterleben mit der Säkularisation im Jahr 1803 beendet, das Kloster als „Schloss“ dem Fürsten Salm-Reifferscheidt übergeben wurde, der es 1838 an den badischen Staat veräußerte, ging doch die Geschichte des Klosters als Gebäude weiter. Im 20. Jahrhundert etwa bot es vielen Menschen nach Flucht/Vertreibung ab 1945 ein Dach über dem Kopf, ab 1952 war das Kloster für über 60 Jahre Kreisalters- und Pflegeheim. Ganz aktuell gibt es eine vielfältige Nutzung des Klostergebäudes. Unter anderem sind eine Arztpraxis und verschiedene Schulen und Ausbildungsstätten für Kinder und Jugendliche „Mieter“ im Kloster. Gerlachsheim ist so, vor allem auch dank seines Klosters, ein Dorf mit großer Geschichte, leider aber mit inzwischen ungewisser Zukunft.
Wohl dem, der ein solch reiches Erbe zu schätzen und zu bewahren weiß!
Text: Dr. Andrea Decker-Heuer
Stand: September 2021
Öffnungszeiten Hl. Kreuz Kirche Gerlachsheim
Sommeröffnungszeit (1.4.-31.10.)
9 bis 18 Uhr
Winteröffnungszeit (1.11.-31.3.)
9 bis 16 Uhr



















